Mein beruflicher Werdegang als Schneider (Otto Bednorz, 2011)

Nach meinem Schulabschluss 1951 wusste ich, dass ich mich zwischen drei Ausbildungsberufen, die für Gehörlose damals möglich waren, entscheiden musste: Tischler, Schneider oder Schuhmacher.

Beim Arbeitsamt sagte man mir dann, in Dresden gab es dazu für Gehörlose die Möglichkeit. Erst später erfuhr ich, dass ich auch eine Ausbildung zum Feinmechaniker oder Zahntechniker hätte machen können, aber darüber hatte man mich nicht informiert!

Mein Vater wollte, dass ich Schneider lernte, dazu hatte ich aber keine Lust. Ich bekam vom Arbeitsamt zudem das Angebot in die Landwirtschaft zu gehen und dort Landmaschinenbauschlosser zu lernen. Ich war interessiert, jedoch verzog mein Vater das Gesicht: „Da machst du dich nur ständig schmutzig! Werd’ lieber Schneider, das ist ein sauberer Beruf.“ Ich war damals nicht selbstbewusst genug und habe mich seinem Willen gebeugt, so wurde ich für die dreijährige Ausbildung nach Dresden geschickt und wurde Schneider. Ich habe dort auch viel Fußball gespielt, wie früher auch und viele Freundschaften geschlossen. Als ich meine Ausbildung beendet hatte, musste ich Dresden wieder verlassen, weil für das Wohnen in der Großstadt eine Zuzugsgenehmigung erforderlich war. Das war damals so zu DDR Zeiten, da durfte man in der Großstadt nur wohnen wenn es einen Heimatbezug gab. Daher musste ich zu meinem großen Bedauern zurück in das Dorf, in dem ich bei meinen Eltern aufgewachsen war. Dort wollte ich aber auf keinen Fall bleiben, denn ich war der einzige Gehörlose im Dorf.

Ein Freund von mir lebte im Großraum Berlin und so konnte ich dort bei ihm am Stadtrand ein Zimmer zur Untermiete bewohnen. Damals war es nicht möglich in der Stadt zu wohnen. Bis 1958 pendelte ich täglich nach Berlin, um dort zu arbeiten. Dann habe ich mich nicht mehr wohl gefühlt und zog nach Hamburg, wo ich bis heute lebe. Hier gibt es viele Gehörlose und einige, zu denen ich gute Kontakte habe. Aber ich habe auch mit Hörenden keine Probleme. Auch in der Zeit meiner Berufstätigkeit war die Kommunikation mit Hörenden für mich nie schwierig, auch mit den Vorgesetzten nicht.

Die Ausbildung, die ich in Dresden in einem speziellen Betrieb abgeschlossen habe, war allgemein für Schwerbehinderte, d.h. auch für Hörende gedacht. Die meisten der Teilnehmer waren Kriegsversehrte, die ihren ursprünglich erlernten Beruf nicht mehr ausüben konnten-z.B. weil ihnen im Krieg die Beine amputiert worden waren- und nun zum Schneider umgeschult wurden. Wir waren aber auch viele Gehörlose in der Ausbildung, mit mir waren es sechs. Untergebracht wurden wir in einem Lehrlingsheim in Dresden. In dem Betrieb für Schwerbehinderte konnte man aber nicht nur Schneider werden, sondern es wurden auch Ausbildungen zum Schreiner, Tischler, Schuhmacher und Schlosser angeboten. Dort erfuhr ich dann auch zum ersten Mal davon, dass Gehörlose auch eine Ausbildung zum Zahntechniker machen durften. Ich war erst erstaunt, weil ich glaubte, dass sich dahinter der Beruf des Zahnarztes verbirgt. Einen gehörlosen Zahnarzt konnte ich mir nicht vorstellen! Aber dann erklärte man mir, was ein Zahntechniker tut. Und dass man auch Feinmechaniker werden könnte, erfuhr ich dort auch. Ich war erstaunt, vorher hatte ich das nicht gewusst! Ebenso erfuhr ich im Laufe der Zeit, dass es auch einige Gehörlose gab, die eine Ausbildung zum Feinmechaniker abgeschlossen hatten und nun in der Fotoindustrie bei dem Unternehmen Zeiss eine gute Anstellung hatten. Tja, so war die Zeit damals in der DDR: Das Arbeitsamt hatte mich einfach nicht richtig informiert.

Hätte ich das alles vorher gewusst, ich wäre ganz bestimmt nicht Schneider geworden!