historische Hintergründe

Es stellt sich die Frage, warum bei der Beschulung tauber Kinder unterschiedliche Verfahren eingesetzt werden: Warum wird z.B. an der einen Schule ausschließlich in Lautsprache unterrichtet, an einer anderen zweisprachig?

Diese Spaltung der Bildungsansätze begann schon im 18. Jahrhundert. Damals wurden die ersten Schulen für taube Kinder gegründet, die erste in Paris, wo Abbé de l’Epée die Leitung innehatte und bald darauf die Schule in Leipzig, deren Direktor Samuel Heinicke war.

Epée’s Unterrichtsmethode, die sogenannte „manuelle Methode“ beinhaltete den Einsatz von Gebärden. Im Gegensatz zu Epée lehrte Heinicke in Leipzig jeodch nach einem lautsprachlich orientierten Unterrichtsansatz, der sogenannten „orale Methode“. Hier wurde zwar auch gelegentlich gebärdet, aber der Schwerpunkt lag auf der Förderung des Sprechens und Absehens. Diese miteinander konkurrierenden Unterrichtsmethoden existierten eine ganze Weile nebeneinander. In Europa entstanden in dieser Zeit immer mehr Schulen, die entweder auf die eine oder die andere Methode vertrauten.

Dann geschah ein großer Einschnitt: Im Jahr 1880 fand der sogenannte „Mailänder Kongress“ statt. Die Teilnehmer waren Taubstummenlehrer aus ganz Europa. Als Ergebnis der dort geführten Methodendebatte wurde schließlich eine Empfehlung herausgegeben, die besagte, dass vorzugsweise dieorale Methode im Unterricht und in der Erziehung tauber Menschen eingesetzt und verbreitet werden solle. Zugleich wurde von der Anwendung und Verbreitung der manuellen Methode abgeraten. Dies hatte weit reichende Folgen: Überall, auch in Deutschland, wurde von dem Zeitpunkt an die manuelle Methode aus den Schulen verbannt. Von nun an wurden taube Kinder und Jugendliche ausschließlich nach der oralen Methode unterrichtet.

Im Laufe der Zeit wurde das Schulwesen für behinderte Kinder reformiert. Die ersten Gehörlosenschulen waren vergleichbar mit den damaligen Volksschulen für Hörende. Im Jahr 1960 entstand die Realschule, sodass auch gehörlose Kinder einen höheren Schulabschluss erlangen konnten und seit 1980 können gehörlose Kinder in Deutschland das Abitur machen. Um 1980 gab es noch ca. 80 Hörgeschädigtenschulen in Deutschland, die sich in Schwerhörigen- und Gehörlosenschulen unterschieden. Seitdem wurden diese Schulen immer häufiger zusammengelegt, sodass schwerhörige und taube Kinder gemeinsam unterrichtet werden können. Durch diese Zusammenlegungen hat die Zahl der Schulen in Deutschland insgesamt leicht abgenommen.